Literatur als Party in: Wuppertal

Kein Grund zur Klage. Wuppertals Szenelandschaft bietet jungen Schriftstellern seit Jahren beeindruckend viele „Off-Locations“. Das Beste: Die Besucher kommen in Scharen. Eine (subjektive) Bestandaufnahme anlässlich der Wuppertaler Literatur-Biennale vom 6. bis 16. Juni 2012 zum Veranstaltungsthema “Freiheit!”

„Wo kann ich in Wuppertal lesen?“, fragt Hanna Lemke während der Leipziger Frühjahrs-Buchmesse am Stand ihres Verlags Kunstmann, wo gerade ihre vom Feuilleton hochgelobte Erzählung „Geschwisterkinder“ erscheint. Ihr Debüt „Gesichertes“ hatten wir gemeinsam in einer Buchhandlung vorgestellt – die ihr Engagement inzwischen einstellen musste. Bliebe das Literaturhaus, unser Theater, die restaurierte Oper, ein kleiner Saal in der Stadthalle?

Buchhandlungen, Literaturhaus, Theater – die klassischen Lesungsorte anderer Städte spielen in Wuppertal für jüngere Schriftsteller kaum eine Rolle. Dafür ist die so genannte „Off“-Kulturszene sehr aktiv. Es gibt Reggae- und Gothicfestivals, halblegale Partys in stillgelegten Tunneln und Kunstausstellungen, Konzerte, DJ-Sets in abbruchreifen Arrenberg-Häusern, Freejazz-Opern in Tango-Cafés und im Winter erst das „Ölberglesen“ in Kneipen, Privatwohnungen, Galerien von Wuppertals Nordstadt, bei dem Familien Liebesgedichte präsentierten und Fußballfans die besten Texte übers runde Leder (das ins Eckige muss). Es geht auch ohne klassische Veranstaltungsorte.Ich erinnere mich selbst an eigene Lesungen im Café du Congo, Beatz & Kekse, Bloomclub, Zett, Caribe, der Galerie Epikur, in der Stadthalle, Die Börse – und einmal, bei der Eröffnung: Im Literaturhaus am Haspel.

Patrick Salmen, 2010 Gewinner der Deutschen Meisterschaft im Poetry Slam (mit einem Plädoyer für seinen Bart), empfängt in der „Shakespeare live! Akademie“ (Treppenstraße). Gemeinsam mit Kollege Torsten Sträter präsentiert er monatlich einen Künstler, der hier sein aktuelles Werk vorstellt. Der Ort ist multifunktional. Das Publikum durchmischt. In der „Akademie“ stellen bildende Künstler aus. Electromusikerinnen aus Kopenhagen stehen beim „Plastic Zuzu“-Festival mit Megaphon und Synthesizer vor früheren Beatbox-Besuchern, jungem Kneipenpersonal und versunken wippenden Germanistikststudentinnen mit Hello Kitty-Handy. Literatur in der „Shakespeare live! Akademie“ zieht nicht nur Vielleser an. Man besucht die Veranstaltungen, weil mal wieder „irgendwas los“ ist, nicht nur, weil Texte geboten werden.

„An Wuppertal hänge ich sehr“, sagt Patrick Salmen. „Die Kombination aus Industrielandschaft, Großstadt und den zahlreichen Grünflächen macht für mich den Reiz aus. Finanziell geht´s in den letzten Jahren ziemlich bergab. Aber ich habe zunehmend das Gefühl, dass bei vielen engagierten Bürgern eine gewisse Jetzt-erst-recht-Haltung aufkommt. Im kulturellen Bereich entstehen zahlreiche interessante Projekte und Fusionen. Neue Locations werden ergründet und innovative Konzepte ausarbeitet. Die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern ist hier sehr unkompliziert.“

Ein paar Meter von der „Skakespeare live! Akademie“ entfernt hat Jochen Rausch seinen Geschichtenband „Trieb“ vorgestellt. Die „Galerie Grölle“ (Friedrich-Ebert-Strasse) veranstaltete 2010 eine Fotoausstellung zum Band. Ein kleiner Ort, im Hinterhof gelegen – an diesem Abend bis auf den letzten Quadratzentimeter belagert. Wenige Tage zuvor hatte der Wellenchef des Jugendradios 1LIVE in der ausverkauften „Villa Media“ am Viehhof gelesen. Sein Debüt „Restlicht“ war nominiert für den wichtigsten Krimipreis Deutschlands, den Glauser. Jochen Rausch ist gewohnt, die ganz großen Bühnen zu bespielen (zum Beispiel als Jurymitglied beim Eurovision Song Contest) – aber deshalb die Anfrage eines alten Freundes ablehnen, nur weil der Veranstaltungsort klein und abseitg ist?

Gerade diese Off-Locations reizen Wuppertals Schriftsteller. Im „Beatz & Kekse“ (Luisenstraße) sitzen die Erstsemester bei Club-Mate mit angezogenen Knien – wie bei der „Kassettendeck“-Premiere im Mai 2011. Wenn Arco-Verleger Christoph Haacker Fischgedichte in einer temporären Nordstadt-Galerie liest, kommen die Karosakkoträger und trinken rumänischen Ein-Euro-Wein.

Zu den kleinen Bühnen zählt ebenso das „Café du Congo“ (Luisenstraße), wo seit 2007 regelmäßig das kostenlose „Congolesen“ stattfindet – mit Stefan Seeling, Malte Linde und Jörg Isringhaus, die sich „seitdem einen gewissen Ruf als Tischredner erworben haben“ (Eigenwerbung, die stimmt). Als Gast oft dabei: Drehbuchautor Michael Kenda, 2007 nominiert für den International Emmy Award. Inzwischen zieht die Crew durchs Tal, macht Halt im Irish-Pub „Domhan“ in der Marienstraße und kooperiert erfolgreich mit der „Wortwache“ von Coolibri-Redakteur Jörg Degenkolb-Değerli, der auch im „Spunk“ (Flensburger Straße) und im „Zweistein“ (Aue) die Massen unterhält. Poetry-Slam gibt es in der Börse mit den „Wuppertaler Wortpiraten“ André Wiesler und David Grasshoff.

Christoph Maria Herbst, seit seiner Hauptrolle in „Stromberg“ allerbestens im Geschäft (viermal Deutscher Comedypreis, Fünffach-Platin für die DVD-Ausgabe der ersten Stromberg-Staffel) kann seit langem Stadien füllen, startete hier aber bescheiden im wesentlich kleineren „Rex-Theater“. 2011 las er dann doch in der Stadthalle aus seinem Bestseller „Ein Traum von einem Schiff“. Hanna Lemke, Jochen Rausch, Christoph Maria Herbst – einige der großen Namen aus dem Tal.

Benjamin Quabeck, der für seinen Debütfilm „Nichts bereuen“ (als Roman bei Goldmann) den „Förderpreis Deutscher Film“ für den Bereich „Literatur“ erhielt, arbeitet weiterhin als Hörspielautor, Regisseur, Schriftsteller. Die Kinderbuchautorin Tanya Stewner („Liliane Susewind“) wird in zahlreiche Sprachen übersetzt und führte bereits etliche Bestsellerlisten an. Der Schriftsteller, Zeichner und Musiker Eugen Egner, unter anderem Träger des Kassler Literaturpreises für grotesken Humor und ständiger Karrikaturist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung arbeitet inzwischen an seiner Comic-Gesamtausgabe im Verlagshaus Monsenstein und Vannerdatt.

Dann gibt es noch einen Wuppertaler Autor, der bislang nicht ins Rampenlicht getreten ist: Felix Tota, Jahrgang 1989 – seit einem Jahr Student am renommierten Institut für „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ der Universität Hildesheim. Suhrkamp-Autoren wie Paul Brodowsky und Sebastian Polmans haben hier gelernt, Bestsellerproduzenten und Feuilletonlieblinge wie Thomas Klupp, Marcel Maas, Leif Randt. Nun also der Rumäne aus dem Tal, der bis zu seinem Wegzug aus dem Tal oft beim Kaffee im „Zett“ am Deweert‘schen Garten saß, über Literatur diskutierte, seine Leute immer begeisterte für „das einzige wahre Abschreiben der Welt“. Bei Hans Josef Ortheil schrieb er vor wenigen Wochen eine Hausarbeit – seine schnell entstandene Kurzgeschichte „Hybride Momente“ begeisterte die Hörspielredaktion von 1LIVE so sehr, dass sie dem Newcomer gleich eine Stunde in ihrer „Short Story“-Reihe freiräumte. (Ok, ich habe eigenmächtig gepetzt und den Text damals weitergeleitet.)

Hanna Lemke und ich stehen in Leipzig am Stand und wissen auf einmal nicht, wo zuerst nachzufragen ist. „Wo kann ich lesen?“ – „Überall“. Wahrscheinlich wird es das „Beatz & Kekse“, wo der Autor im hinteren Eck tangential zu den Zuschauern linker und rechter Seite sitzt, wie belagert. Wo danach Indiemusik aufgelegt werden kann, Reggae-Dub, Big Beats, Drum & Base. Wo die Betreiber im gleichen Haus wohnen und die Literatur in eine nächtelange Party übergeht, wenn sie das nicht sowieso längt ist: Eine große, leuchtende Party. Grandios.

Dieser Text ist eine Langfassung des Artikels aus dem Heft zur „Wuppertaler Literatur Biennale 2012“. Lesen werden internationale und lokale Autoren, wie: Chalid Al-Chamissi (Ägypten), Samar Yazbek (Syrien), Herta Müller, Margriet de Moor (Niederlande), Christoph Ransmayr (Österreich), Abbas Khider (Irak), John von Düffel, Artur Becker und Dariusz Muszer (Polen)

Veröffentlicht unter Belletristik / Fiction, Deutsche Gegenwart | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Zeitzauberer, Schrifttiger, Sexbods

Sich selbst erschießen. In einer ewigen Zeitschleife mit der Lieblings-Ex steckenbleiben. Alternative Enden privater Katastrophen wahr werden lassen. All das gelingt in der Science Fiction-Welt von Charles Yu. Sein “Handbuch für Zeitreisende” ist eine Jagd über verschiedenen Zeitebenen, unterschiedliche Genres, bestückt mit halb fertigen Helden, paradoxen Plots und depressiven Sexbods – gelistet in den “Time’s Top 10 Fiction Books 2010″. 

Bevor Dietrich Schwanitz mit seinem Roman “Der Campus” das akademische Feld verliess, schrieb er 1990 das sehr lesbare Buch “Systemtheorie und Literatur: Ein neues Paradigma”. Darin bemerkt er, dass Krimis einer erzähltheoretischen Besonderheit unterliegen. Detektiv und Text arbeiten gegeneinander. Während der Ermittler auf der “erzählten Ebene” bestrebt ist, seinen Fall zügig zu lösen, muss auf der Erzählebene möglichst lange Unsicherheit über den Täter herrschen. Aus diesen gegenläufigen Anforderung ergibt sich das eigentliche Spannungsfeld einer Kriminalgeschichte.

Der Anglistikprofessor aus Westfalen hat keine Neuigkeiten ausgeplaudert. Dennoch ist sein Beispiel von bemerkenswerter Klarheit. Es richtet das Augenmerk auf den Gegensatz von “discours” und “historie”, der Darstellung eines Stoffes und seines tatsächlichen Verlaufs (der Täter steht fest mit der Tat, wird auf discours-Ebene aber erst mit Ende der Kriminalgeschichte verbunden).

Mit diesen und etlichen anderen postmodernen Kniffen arbeitet das “Handbuch für Zeitreisende” vom amerikanischen Hype-Autor Charles Yu. Seine Geschichte wirkt wie angewandte Literaturwissenschaft – von Juri M. Lotman über Gerard Genette bis Jean Baudrillard. Angelehnt an Jean Baudrillards Simulakrum-Theorie werden in diesem sehr klugen Buch discours und histoire in einen besonderes Widerstreit geschickt.

Die Handlung spielt in einer “second order reality”. Sie hat Ähnlichkeit mit der Realität des Lesers, ist aber, ein sekundäres, semiotisches, modellbildendes System von Welt (um Lotman gleich mal ins Spiel zu bringen). Der Held heisst wie sein Autor. Auch das ist selbstverständlich eine Reminiszenz an unzählbare Romane der Postmoderne. Seit er sein “Masterstudium in angewandter Science Fiction” abgeschlossen hat, repariert der Held Charles Yu Zeitmaschinen (der Autor Charles Yu hat nicht in “Science Fiction abgeschlossen, sondern arbeitet als Vollzeitjurist – lernt also, mit verschiedenen, konstruierten Wahrheiten umzugehen). Jedenfalls: Der Held Charls Yu versteht aufgrund seiner akademischen Ausbildung, wie Zeit “funktioniert”. Er weiß, wie chaotische Ereignisse in einer zeitlichen Reihenfolge linear geordnet werden können – hier schlug ich kurz in “Die Schrift” von Vilém Flusser nach: “Beim Schreiben sollen Gedanken zu Zeilen ausgerichtet werden. Denn ungeschrieben und sich selbst überlassen laufen sie in Kreisen. Dieses Kreisen der Gedanken, wobei jeder Gedanken zum vorangegangenen zurückgehen kann, nennt man in spezifischen Kontexten das mythische Denken. Schriftzeichen sind Anführungszeichen aus dem mythischen in ein linear ausgerichtetes Denken.”

Der Vater von Charles Yu (dem Helden) hat das Prinzip von Zeitreisen entworfen, ist aber irgendwann verschwunden, steckt vielleicht in einem anderen sekundären, semiotischen, modellbildenden System von Welt fest. Seinen Sohn ist also allein in der  fiktiven Geschichtenwelt, die da heisst “Das Handbuch der Zeitreisenden”, zurückgelassen worden. Diese Welt setzt sich zusammen aus verschiedenen Universen, die wiederum bevölkert werden von Genres, schwachen und starken Helden, deren Zeitläufte bestimmt sind durch plausible oder unplausibe Plots – je nachdem, wie fähig die Ingenieure (bzw. Autoren) eines jeweiligen Universums gearbeitet haben.

Zu Beginn informiert der Text, dass sich Charles Yu selbst erschossen hat, genauer eine zukünftige Version seiner selbst, einen Klon sozusagen, der ihn mithilfe einer Zeitmaschine aufgesucht hat – jener Zeitmaschine, die Charles Yu aktuell mit einem melodramatischem Programm und einem ontologisch existenten aber dennoch bloss erfundenen Hund bewohnt. Das Paradoxon entsteht also durch den Widerstreit zwischen discours und histoire, ein Dilemma – wie zum Beispiel von Baudrillard in “Der unmögliche Tausch” beschrieben durch die Simulation des Individuums, das sich aus Selbsthass bzw. Überlebenswille erschiesst (beide Möglichkeiten sind zugleich denkbar).

Doch warum besucht sich der Held, der heisst wie sein Autor, mit einer Zeitmaschine selbst in einer zeitlich einerseits fortlaufenden, auf erzählter Ebene aber ständiger Wiederholung unterworfenen Geschichte? Der Grund: Charles Yu steckt in einer Zeitschleife, wie einst Phil Connors (Bill Murray) im Kinofilm “Groundhog Day” (1993). “Als es passiert, passiert dies: Ich erschieße mich. Nicht mich selbst, natürlich. Ich erschieße mein zukünftiges Ich. Es steigt aus einer Zeitmaschine und sagt, es sei Charles Yu. Was sollte ich sonst tun? Ich töte es. Ich töte meine eigene Zukunft.”

So beginnt das “Handbuch für Zeitreisende”, so beginnt das Dilemma, das Paradoxen, das Problem des Subjekts. Bereits in diesen Anfangssätzen problematisiert Charles Yu, den Gegensatz zwischen Innen- und Außensicht des Individuums, das in seinem Spiegelbild “das Andere” erkennt, obwohl wir es gewohnt sind, unsere vergangene und unsere zukünftige Person als die ewig gleiche anzusehen (andererseits behaupten wir auch, uns ändern zu können). Dazu steckt ein zeitlicher Widerspruch in der Satzreihenfolge. Denn Vergangenheit (“als es passiert”, “was sollte ich sonst tun”), Gegenwart (“ich erschieße mich”) und “ich töte meine eigene Zukunft” gerate durcheinander. Zumal sich das Ich erst selbst erschießt, dann aufklärt, es sei erschieße lediglich ein “anderes Ich”, das im “discours” nach seiner Erschießung aus der Zeitmaschine steigt.

Das alles hindert Charles Yu nicht, eine sinnvolle aventuire durch das Romangebildet durchzumachen, als der Einzige der nicht – wie seine Kunden, in logische und metaphysische Schwierigkeiten gerät. Er hat das Dilemma seiner, vielleicht sogar der Existenz an sich erkannt: “Die meisten Leute, die ich kenne, leben vorwärts und schauen dabei die ganze Zeit zurück.” Sie machen aus ihrem Leben eine Geschichte. Andererseits funktioniert das Erzählen genau so – die Seiten voller Text füllen sich, man blättert nach vorn, während nach-erzählt wird, was geschehen ist. “Woher wissen wir, was es bedeutet, ein Ereignis als gegenwärtiges Geschehen wahrzunehmen und nicht als Erinnerung an ein vergangenes Ereignis?”

Charles Yu hat eine Begründung parat, die wirkt wie eine Persiflage auf die Evolutionssoziologie unserer Zeit: “Vielleicht liegt das in den Notwendigkeiten des Überlebenskampfes begründet. Damit wir Nahrung beschaffen, dem Säbelzahntiger entkommen, über spitze Steine in einen Fluss mit starker Strömung springen und für unseren schreienden Säugling sorgen können, müssen wir uns konzentrieren, müssen wir wissen, was jetzt vor sich geht. Das heisst, unsere physische Fähigkeit, die zeit zu erfassen, ist von evolutionären Zwängen in jeder Hinsicht auf die Selektion fürs Überleben nützlicher Merkmale zurechtgeschliffen worden. Die Zeitwahrnehmung ist da keine Ausnahme und kein Sonderfall, und sie hat nichts Magisches und Mysteriöses.”

Vilém Flusser würde Charles Yu zustimmen – also: beiden, er hat es längst getan. “Das Englische to write (das zwar, wie das lateinische scribere, auch ritzen bedeutet) erinnert daran, daß ritzen und reißen dem gleichen Stamm entspringen. Der ritzende Stilus ist ein Reißzahn, und wer Inschriften schreibt, ist ein reißender Tiger: Er zerfetzt Bilder. Inschriften sind zerfetzte, zerrissene Bildkadaver, es sind Bilder, die dem mörderischen Reißzahn des Schreibens zum Opfer wurden.”

Großartiges Buch, konstruiert aus 50 Jahren Kommunikationstheorie, Schriftwissenschaft, Hologrammen, Figuren, die ihr eigenes Buch schreiben, Paradoxa und Tigern, Buddhisten, Wahnsinnigen, Realitätsverleugnern, Zeit-Zauberern und: Sexbods (die allerdings noch trostloser daherkommen, als es das Wort Sexbods schon vermuten lässt.

(Charles Yu: “Handbuch für Zeitreisende”, übersetzt von Peter Robert, Rowohlt, 272 Seiten, 13,95 Euro)

Veröffentlicht unter Akademie, Belletristik / Fiction, Debüt, Systemtheorie, USA, Kanada | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Rock Romance

Panikattacken, Imbisshexen, sarkastische Senioren und Einstiegskokser bevölkern den schillernden Roman “Das Schwein unter den Fischen” von Jasmin Ramadan. Kann sie ihren Erfolg aus “Soul Kitchen” wiederholen?

Mit der Verfilmung ihres ersten Romans war Jasmin Ramadan schnell im Gespräch. “Soul Kitchen” begeisterte Fatih Akin, begeisterte die Kritik, begeisterte die Zuschauer. Das war Glück. Gleichzeitig strauchelte ihr Verlag “Blumenbar” (bekannt durch Airen, Raul Zelik, PeterLicht) und die Autorin musste sich woanders umsehen – ihr jetziger Roman ist im Internet noch als “Fermanns Spezialitäten” bei Blumenbar angekündigt. Inzwischen heisst er “Das Schwein unter den Fischen” und erscheint bei Tropen. Man kann Blumenbar nur wünschen, dass es ihnen ergeht wie dem neuen Verlag von Jasmin Ramadan.

Nachdem Tropen eigenständig ins Rampenlicht rückte mit Autoren wie Jonathan Lethem und Christine Angot ist er schnell beim großen Verlagshaus Klett-Cotta untergekommen. – Es sind turbulente Zeiten in der deutschen Buchbranche. Es gibt große Umzüge von Frankfurt nach Berlin (Suhrkamp). Es gibt Übernahmen internationaler Häuser (Bloomsbury verkauft den Berlin Verlag an Piper) und spektakuläre Neugründungen (Hanser Berlin). Die Beschaulichkeit ist vorbei. Da passt Jasmin Ramadans Buch mit seinem aberwitzigen Personal und den Achterbahn ähnlichen Wendungen perfekt in diese Zeit.

Sie erzählt die nervenaufreibende “Coming of Age”-Geschichte von Stine. Nachdem sie von ihrer Mutter, einem französischen Au-Pair, bei Vater Reiner zurückgelassen wurde wie Moses einst in seinem Körbchen, gerät sie in einen reissenden Lebensfluss. Mutti bleibt abwesend und Stine muss sich Legenden ausdenken, um die verquere Situation zu rechtfertigen. Ihr Vater ist Imbissbudenbesitzer (“Fehrmanns Spezialitäten”) und was er für Erziehung hält, ist lieb gemeinte Folter. Nachdem Stine als Kind ihre erste Panikattacke erleidet, “schloss er mich in unser Bad ein, bis ich nicht mehr wie am Spieß schrie und verzweifelt nach Luft schnappte. Als Belohnung bekam ich zum ersten Mal Taschengeld. Für jede Minute, die ich es ausgehalten hatte, zehn Pfennig. Ab diesem Tag sperrte Reiner mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Toiletten, Keller, Besenkammern, von außen mit breitem Klebeband umwickelte Telefonzellen oder schloss mich bei schlechtem Wetter auch mal in meinem eigenen Zimmer ein.”

Zu dieser, gelinde gesagt “unkonventionellen” Art, Ängste abzubauen, gehört Reiners Vorliebe für seinen Autofahrermix “Rock Romance”, der ebenso abgeschmackt ist wie seine reale Rock-Romanze zu Ramona. “Ramona war zum Traurigsein immer zu besoffen. Mein Vater hatte sie trotzdem geheiratet – eine Frau, die, wenn ihr doch mal schlecht vom Saufen wurde, laut rückwärts zählte und dabei ihren Scheitel rieb. Sie hatten sich kennengelernt, als ich vier Jahre alt war und wir noch bei meinen Großeltern lebten. Eines Morgens nach der Frühschicht in der Brötchenfabrik hielt mein Vater an der nächsten Tankstelle, um bei einem stark gezuckerten schwarzen Kaffee und ein paar Mentholzigaretten die Wohnungsanzeigen zu studieren. Ramona hatte gerade Schicht und fauchte auf sein freundliches “Tach, schöne Frau!” heiser zurück: “Schön war ich gestern Nacht!”

In diesem verraucht-klebrigen Klima, das scharf am Unterschichtendasein kratzt, schafft Stine dennoch ihr Abitur. Auf dem Weg dorthin wird sie öde entjungfert, mit Koks geködert, von einer Hexe im Imbissbudenvorraum zu “Sitzungen” eingeladen. Sie schlägt sich mit Tante Trixi rum, die eine “Agentur für homosexuelle Seitensprünge, deren einziges Mitglied sie selbst war”, gründet. Als Pflegefachkraft trifft Stine später auf Kolleginnen, die herzzerreißend um kranke Meerschweinchen trauern und ihr Auto nicht durch den TÜV kriegen. Selten wirkte es abschreckender “was mit Menschen” zu machen.

Was in der Realität nervt, diese ganz Distanzlosigkeit obskurer Persönlichkeiten, ist in Romanen oft unterhaltsam. So auch hier. Jasmin Ramadan lotst ihre Heldin durch etliche Stromschnellen, lässt sie von einem schwulen Psychiater therapieren, von Gastnonnen aus Indien besuchen, von aufgeblasenen Modelscouts nerven. Zum Schluss trifft sie einen schlüpfrigen Straßendirgenten. Chaos pur. Eine versöhnliche Weisheit bleibt allerdings im Gedächtnis hängen: “Das Leben ist ein Fass voll einfacher Lösungen, man muss es nur anstechen!”

(Jasmin Ramadan: “Das Schwein unter den Fischen”, Tropen, 272 Seiten, 17,95 Euro)

Veröffentlicht unter Belletristik / Fiction, Deutsche Gegenwart, Rezensorium | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Kill the barbie!

“Hübsches Techno … 1000 Beats pro Minute. Dein Herz ist dein DJ. Ist wie bei der Loveparade. Nur ohne Gesang.” Der Prager Straßenbahnfahrer Petr besingt auf diese Weise die 17-jährige Vanda, Gothic-Punksängerin der Band “Kill the Barbie“, Kokserin, Scheidungskind mit einem Vater, der ihre beste Schulfreundin dated. Vanda verbringt Vormittage allein rauchend auf dem Klo, dreht nur im Scheinwerferlicht auf: “Fuck off Bush! Fuck off USA! Kill the Barbie! Fucking cocksucker!”

Jaroslav Rudiš portraitiert in kurzen Episoden fünf einsame Helden der tschechischen Hauptstadt, Gefallene, Trauerndem unglücklich Verliebte, halb Wahnsinnige, die sich immer wieder begegnen, unwissentlich verbunden sind durch ein melancholisch gestimmtes Band. Dazu gehört ein erfolgreicher Anwalt, bei dem es plötzlich um mehr geht als um “Marie. Ihr Hintern. Null Reaktion. Ihre Pussy, ihre fucking Pussy. Nichts regt sich. Weiter. Nur nicht aufhören. Ludmila. Ihre Riesentitten.” Sein Bruder kämpft im Irak und ist vermutlich gefallen.

Ptetr hat, um nicht vollkommen einsam zu sein, seinen Hund “Malmö” dabei, einen weißen Labrador. Der eigentlich seiner Ex gehört, die er auf einem ganz anderen Konzert einst unbeholfen angebaggert hat: “Du hast schöne Augen”, sagt er. “Schöne?” – “Na, irgendwie so bläulich, blaue Augen, finde ich.” – “Wusste ich gar nicht, danke. Malmö, mach’ Dich bitte auch bekannt. Das ist der Herr, der merkt aber auch alles. Sie kraulte ihren Hund hinter den Ohren. “Also, wie war das mit meinen Augen?” – “Sagen wir mal: richtige, “Nehm’ mich mit ins Bett”-Augen.”

Diesen Dialog gibt es hier in der kurzen Lesung des Autors. Es ist eine Weile her, dass Deutsch sprechende Autoren wie Franz Kafka aus Prag kamen. Jaroslav Rudis gehört dazu – schreibt aber weiterhin in seiner Landessprache. Was er mit Kafka gemeinsam hat? Er nimmt seine Figuren ebenfalls hart ran. Sie müssen sich durchkämpfen und sich in tatsächlich an Kafka erinnernden Episoden behaupten.

Obwohl Petrj seine Clara an diesem Konzertabend rumkriegt, wird er später scheitern. Er wird allein vom Lissabon-Urlaub nach Hause fahren, weil Clara ihn abserviert hat. Er wird an der Grenze wegen ein paar Gramm Gras in U-Haft genommen, anschließend zu gemeinnütziger Arbeit bei der Straßenbahn verdonnert und sein Studium aufgeben.

Aufgegeben hat sich auch Vladimir, der seit dem Krebstod seiner Frau überzeugt ist, der Lärm der Welt sei Schuld an Ihrem Ableben, was ihn in Konfrontation zu Vanda setzen wird. Mehr Stille, weniger Koksen, neue Frauen treffen, Scheidung, Trennung, aus sich herausgehen – die Figuren des Buchs versuchen alles, um ihr Leben neu zu definieren. Nur gelingen will es ihnen nicht.

Prag ist seit dem Fall der Mauer eine Touristenmetropole, in der sich Europas Clubgänger am Wochenende treffen, um Party zu machen. Den Einheimischen geht es währenddessen wie ihren Leidensgenossen in Berlin. Sie wollen ihre Ruhe haben. Dafür ist Prag, dafür ist aber auch dieses wunderbar geschriebene Buch ein denkbar schlechter Ort: Es gibt chaotische Punk-Rockkonzerte, einen Straßenbahn-Crash, Verhaftungen und ganz viel Tocotronic.

Die Stimmung ist melancholisch, spätsommerlich, diesig der Ausblick, die Sicht. Die Stadt befindet sich im Zwielicht, Bis kurz vor Schluss: “Auf einmal gehen die Straßenlichter wieder an. Eines nach dem anderen. Ganz langsam. Auch die Alarmanlagen in den Geschäften schalten sich wieder ein. Die Sterne über Prag sind verschwunden. Der Sommer ist vorbei.”

(Jaroslav Rudiš:”Die Stille in Prag”, übersetzt von Eva Profoussová, Luchterhand, 242 Seiten, 16,99 Euro)

Veröffentlicht unter Belletristik / Fiction, Pop, Techno, Hipster, Rezensorium | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Szegedin ohne Kraut

Nicol Ljubic (“Meeresstille”) und Marc Degens (“Das kaputte Knie Gottes”) sind Teil der wunderbaren Reihe “Little Global Cities”. Im Bielefelder Kerber Verlag werden 12 osteuropäische Städte vorgestellt – mit aufwändig gestalteten Büchern, die zu Recht in “führenden Buchhandlungen und Museumsshops” angeboten werden. Ein Blick in den aktuellen Band über Szeged (Ungarn). 

Noch liegt die Brechstange in der Fahrerkabine der Straßenbahn. “Vor der Endstation bremst der Wagen quietschend, er ruckt und bleibt holpernd stehen. Der Fahrer schwingt sich aus der Kabine, in der Hand die Brechstange. Die erste Tür geht auf, Brechstange raus, Weichen stellen, Tür wieder zu.” Die EU fördert den Ausbau der uralten Stadt seit Jahren. Doch bis der Kapitalismus endgültig angekommen ist, bis die Einwohner steril werden, “mit strahlendem Comiclächeln”, ist Szeged ein gegensätzlich geprägter Ort. Daran erinnert der einheimische Schriftsteller Zoltán Bene in der aktuellen Ausgabe der “Global Cities”-Reihe. Sie widmet sich der 170.000 Einwohner zählenden Stadt an den Flüssen Mieresch und Theiß, die ich bislang nur vom gleichnamigen “Szegediner Gulasch” kannte. Es schmeckt übrigens großartig mit Djion-Senf und man braucht Wodka.

Mit derartigen Nebensächlichkeiten halten sich die Autoren, Fotografen, Grafiker des “Szeged”-Buchs nicht auf – sie finden andere. Die Artikel zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten (Synagoge, Palais Reök, Anna-Bad) werden als Miniaturgeschichten staunender Besucher erzählt: “Zur Goya- und Blake-Ausstellung gingen sie noch als Freunde. Dann erzählte der Junge – ein verlegener Philologiestudent, dem das Mädchen gefiel – wie die wuchernde Liane auf den Balkon gelangt war.” Unweigerlich kommt Joseph Eichendorff in den Sinn, mit seinen spätromantischen Zeilen: “Schläft ein Lied in allen Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort.“

Das Nachtleben (viel Punk, viel Dark Metal, dazwischen Drum & Base) beschreibt wiederum Lásló Kiss wie im Rausch. Die vielen Fotos wirken ausnahmsweise nicht wie rauskopiert aus Sprachlehrbüchern – Szeged darf dreckig, die Clubbesucherinnen betrunken, die Bildausschnitte möglichst trist gewählt sein (wie in den frühen “jetzt”-Magazinen der Neunziger). Der Blick auf die Stadt ist nicht nur in den verschiedenen Gedichten lyrisch. Das aufgeräumte, nie überstylte Design wird von Zeichnungen durchbrochen. Die serifenlose Schrift, der Flattersatz, die Mischung weiß- und lachsfarbener Seiten strukturieren dieses sehr kurzweilige Buch, das sich anfühlt wie ein Mitbringsel oder eine gehobene Publikation zur Vorrecherche. Denn mitnehmen, beim Bummel vom Stadtwäldchen zur Eisenbahnbrücke beispielsweise, möchte man “Little Global Cities” nicht. Dafür ist es zu edel, zu schön und schwer. Weckt Sammelbegehrlichkeiten.

(“Little Global Cities: Szeged”, dreisprachige Ausgabe, Kerber Verlag, 182 Seiten, 19,95 Euro)

Veröffentlicht unter Rezensorium, Sachbuch / Non-Fiction | Hinterlasse einen Kommentar

Liebe unter Männern

Der Samurai ist zurück im Roman “Ich nannte ihn Krawatte” von Milena Michiko Flašar. Die Österreicherin erzählt von Selbstmorden, Scham und einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft.

Das Wakashudō-Verhältnis ist eine rätselhafte Einrichtung, die Europäer schlecht nachvollziehen können. Vom 12. bis 19. Jahrhundert existierte dieses erotische Lehrer-Schüler-Verhältnis in der japanischer Samuraikultur. Es war fester Bestandteil der Kampfausbildung heranwachsender Knaben und ging nach Abschluss der Ausbildung in eine platonische, also nicht-sexuelle Freundesbeziehung zwischen Lehrer und Schüler über.

Zum Jahrtausendwechsel, lange nach dem Niedergang der Samurais, kamen ganz besondere Geschichten auf den Markt. Sie stellten Helden vor, die sich dem “Bushido”-Verhaltenskodex der alten japanischen Kämpfer verschrieben hatten. Dazu gehörte Jim Jarmuschs Film “Ghost Dog – Der Weg des Samurai”, aber auch der Roman “Eine Art Idol” von Popautor Marc Fischer. Zur gleichen Zeit feierte die Samurai-Bibel “Hagakure” einen bahnbrechenden Erfolg – als das erste “Book on Demand”-Werk, das in Deutschland auf die Bestsellerlisten gelangte.

Milena Michiko Flašar, Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters, setzt an der gleichen Stelle an – nur kommen weder Samuarai noch die Hagakure direkt vor. Sie bedient sich aber des gleichen Prinzips und erzählt von einer sehr problematischen Wakashudō-Beziehung im Japan von heute. Es ist eine Beziehung, die bereits in der platonischen Phase einsetzt, die unappetitlichen Aspekte also ausgespart.

Ein Schüler hat sich vom 18. bis zum 20. Lebensjahr im Kinderzimmer eingeschlossen. Er wurde ein “Hikikomori”, ein Gesellschaftsverweigerer. Unter großen Druck sollen viele junge Menschen im heutigen Japan “dicht gemacht” haben. Sie sitzen allein in ihrem Zimmer und lassen niemanden rein. Schätzungen gehen von 100.000 bis 320.000 Hikikomori aus. “Es ist nicht leicht, einen Hikikomori in der Familie zu haben. Gerade am Anfang nicht. Man weiß: Da ist die Schwelle, dahinter sein Zimmer, darin hat er sich totgestellt.”

Eines Tages verlässt der Hikikomori sein Gefängnis und geht aus dem Gewühl der Stadt hinein in ein Stückchen Natur, in einen ruhigen Park. Er setzt sich auf eine Bank. Auf dieser Bank trifft er einen Geschäftsmann, Ende 50, der korrekt gekleidet ist und schnell den Spitznamen “Krawatte” verpasst bekommt. “Krawatte” hat seinen Job verloren, weil er nicht effizient genug gearbeitet hat. Aus Scham spiegelt er seiner Ehefrau weiterhin ein heiles Arbeitsleben vor. Seine Krawatte ist nichts anderes als der Strick eines Todgeweihten auf dem Weg zum Schafott.

Die beiden Männer nähern sich an. Der junge sucht nach einem Weg zurück in die Welt, der alte dagegen einen Weg hinaus. Und so sprechen sie, beide Außenseiter, über Schicksalsschläge, Augenblicke größter Scham, über das Leben nach dem Tod, über Selbstmörder und behinderte Kinder, über das Sich-fremd-Fühlen in unserer Gegenwart. Das sind kurz geschilderte Therapiesitzungen, die aber durch ihre ständigen Anspielungen auf die japanische Geschichte, auf Samurai-Mythen und Hagakure-Losungen eine faszinierende Tiefe bekommen.

“Ich nannte ihn Krawatte” ist kein harmloser Roman über eine weinerliche Mann-Mann-Beziehung, sondern die schonungslose Beichte zwei Alleingelassener. Die ganze Zeit bleibt natürlich diese Hoffnung, Schüler und Lehrer könnten sich gegenseitig retten. Aber ihre sich gegenseitig hochschaukelnde Destruktivität, ihr Jammer, Kasteien und Weh-Klagen (man möchte sich manchmal vor Schmerzen die Ohren zuhalten) lotst die beiden Anti-Helden straight Richtung Abgrund. Gänsehaut! Großer Text.

(Milena Michiko Flašar: “Ich nannte ihn Krawatte” Wagenbach, 142 Seiten, 16,90 Euro)

Veröffentlicht unter Asien, Debüt, Deutsche Gegenwart, Österreich, USA, Kanada | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Njorp!

Onno (53) ist faul wie der Dude aus „The Big Lebowski“, Reality-Soap-Gucker und Mitglied einer Pingpong-Truppe, die sich in der Turnhalle des „Günther Jauch Gymnasiums“ in Hamburg Eppendorf trifft. „In einer Gesellschaft, die nach Leistung bezahlte, war er eigentlich ein Fall für die Organbank.“ Als das Finanzamt eine Nachzahlung androht, wird Onno kurzerhand Privatdetektiv: „Auch wenn er am liebsten nur noch die Sopranos geguckt, auf das nächste Album der White Stripes und den jüngsten Roman jener Westamerikaner gewartet hätte, für die wir beide schwärmten.“

Auf das White Stripes-Album hätte er lange warten können. Die haben sich vor eine Jahr aufgelöst. Deshalb steht dem Auftrag, das untreue Flittchen eines windigen Popmusikers zu beschatten nichts im Weg. Onno ist sehr gemütlich und oft mehr damit beschäftigt, seinen Nikotinspiegel zu kalibrieren, statt den Job anständig abzureißen. Weshalb er mit seiner zugequarzten Schrottkarre auch direkt auffällt, als er von einem Polizisten während der Observation gebeten wird, die Papiere rauszurücken und überhaupt: Den Grund seines Aufenthalts im Edelviertel Hamburgs zu erklären. Was umso schwerer fällt, als klar wird, dass Onno auf seinem 35 Jahre alten Lappen ausschaut wie Massenmörder Charles Manson:

“Sie wohnen Stellingstraße 55?” – “Njorp.” – “Njorp. Das’ in Hoheluft, richtig?” – “Njorp…” – “Njorp. Und dann fährt ihre Frau zum Frisör bis auf die Uhlenhorst. Mit Ihrem Auto. Mit Ihnen als Beifahrer.” – “Nu hör’n Sie doch mal mit -, was reiten Sie denn dauernd – sagen sie”, unterbrach Onno sich endgültig, noch lange nicht verzweifelt oder so, nur aufrichtig interessiert: “Ist das verboten, was ich hier tue?”

Was dann kommt ist mehr als ein Krimi: ein Dialogtsunami, Gangsta-Rap (!Liiiebööö – der Same des Hasses“), Assoziationssturm („VORSICHT! IM WINTER NICHT GESTREUT! – Edding Zusatz: Wann denn?) und YouTube-Actionmitschnitt („Alstermonster! Amok-Huene! Real Splatter!“). Der “Irre vom Kiez”, dieser Hells Angels-Typ, um den es hier geht, der hat auf seinen Fäusten links und rechts zwei Worte stehen: ZACK und BUMM. Und das gilt für’s komplette Buch: ZACK und BUMM! Grandios.

(Frank Schulz: „Onno Viets und der Irre vom Kiez“, Galiani, 366 Seiten, 19,99 Euro / Hörbuch, u.a. mit Harry Rowohlt, Rocko Schamoni, Sven Regener bei Roof Music)

Veröffentlicht unter Belletristik / Fiction, Deutsche Gegenwart, Krimis, Thriller, Rezensorium | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Zu den Sachen

Ein typischer Party-Smalltalk in Deutschland beginnt mit der Frage: „Was machst Du beruflich?“ Während sich ein Brite aus Höflichkeitsgründen niemals nach Stand und Einkommen seines Gegenübers erkundigen würde, fallen die Schranken guten Anstands mit Überquerung des Ärmelkanals. Wer jetzt die falsche Antwort gibt, wird entweder disqualifiziert oder bis zum letzten Lied des Abends belagert.

Eine mir bekannte Jugendamtsmitarbeiterin antwortet, seitdem sie jahrelang von frustrierten, alleinerziehenden Müttern in Beschlag genommen wurde: „Ich bin bei der Stadtverwaltung.“ Bloß keine Details. Kluge Ärzte weichen ebenfalls aus. Geschichten über Rücken, Steiß und Knie sind für Mediziner nach 20 Uhr uninteressant (für alle anderen Gäste übrigens auch).

Geisteswissenschaftler aber werden, nachdem sie sich zu Skandinavistik, Literatur des Mittelalters, zu Sprach-, oder Kunstgeschichte bekannt haben, oft mit der Replik konfrontiert: „Ja, kann man denn davon leben?“ – Als schaffe das alleinige Nicht-BWL-Studium einen Möglichkeitsraum für Kleiderkammer, Suppenküche, Pfandflaschensuche.

Ein gerade erschienener Sammelband beantwortet, indem er immer wieder das Gleiche fragt: „Warum noch Philosophie?“. Die darin enthaltenen „historischen, systematischen und gesellschaftlichen Positionen“ sind intellektuelle Sparrings für alle Debatten, die ein Philosophie-Studierter im Laufe seines Lebens an Kaffeetafeln, Speed-Dating-Nachmittagen und Bankberaterschreibtischen zu erdulden hat.

Es diskutieren nicht nur in der Akademie philosophisch geschulte Profis wie Merkur-Herausgeber Karl Heinz Bohrer oder Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß, sondern auch Mathematiker, tatsächlich unterrichtende Pädagogen, aktive Politiker, Physiker, Musikwissenschaftler, Historiker. Dabei stellen sie sich etlichen Rechtfertigungsvolten von „Steuerzahler“, „wissenschaftlicher Öffentlichkeit“ und „sich selbst“ (Ludwig Siep im Beitrag „Warum praktische Philosophie der Neuzeit?“).

Verschiedenartig wird die im Titel aufgeführte Frage verstanden. Die Antworten fallen schon allein deshalb disparat aus. Auffällig ist: Immer wieder wird das Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis verhandelt und gleichzeitig, wenn auch über andere Wege, Philosophie als genuin menschliche Tätigkeit definiert. Denn Menschen wollen wissen. Zum Beispiel: „Wie sieht ein gutes Leben aus?“ Oder auch: „Wann fängt Leben an?“ – Aktuell abzulesen an den Debatten über Präimplantationsdiagnostik und Stammzellenforschung.

An den eingerichteten Ethikkommissionen, speziell dem Nationalen Ethikrat sind selbstverständlich Philosophen beteiligt. Hier werden ebenso diskutiert: Grüne Gentechnik, Atomkraft, die ethische Dimension anonymer Kindsabgabe, die Bedeutung von Freiheit im modernen Staat, oder auch die Äußerungspflicht für Organspender.

In der Schule wiederum dient Philosophie zur Entwicklung verschiedener Kompetenzen (Erkennen von Widersprüchen, Erkennen moralischer Dilemmata, Bildung sozialer und personaler Fähigkeiten), wie es Klaus Draken in seinem Beitrag „Warum noch mit Schülerinnen und Schülern philosophieren“ ermittelt.

Gleichzeitig kann Philosophie instrumentalisiert werden als „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“, wie es 1931 der Wuppertaler Rudolf Carnap in seinem berühmten Aufsatz mit Mitteln des logischen Empirismus versucht hat. Das sind fachinterne Fragen.

Nebenbei bedient Philosophie, vornehmlich in Frankreich, auch literarisch-feuilletonistische Debatten. In Deutschland stehen Peter Sloterdijk, Dieter Thomä oder Joseph Vogl für eine Inszenierung, die im Nachbarland von Derrida und Deleuze begonnen, von Philosophie-Stars wie Bernard-Henri Lévy oder André Glucksman weitergeführt wird. Philosophie als (intellektuelles) Entertainment. In welcher Weise sich hier ein verunsichertes Bürgertum mit soft gedachten Placebos beruhigen lässt, beschreibt FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners übrigens treffend in seinem aktuellen Buch Die Panikmacher. Über den tatsächlichen Nutzen eines bunt mäandernden Werks des bekennenden Neo-Liberalen Peter Sloterdijk darf gestritten werden.

Allerdings zeigt Volker Gerhardt in seinem Beitrag „Die Macht liegt in der Vielfalt“, dass „die in den Feuilletons zwischen Neurobiologen und Philosophen ausgetragenen Kontroversen über Freiheit und Bewusstsein in konkreten Forschungsprojekten fortgeführt“ werden. „Auch das lange unterbrochene Gespräch mit der Psychologie ist auf der Ebene der Forschung wieder aufgenommen worden.“ – Diesen Nutzen der Philosophie hat noch 1992 der Physiker und Nobelpreisträger Steven Weinberg in seinem Aufsatz „Gegen die Philosophie“ bestritten und sie als Bremse für die naturwissenschaftliche Forschung bezeichnet, obwohl die Philosophie als „Mutter aller Wissenschaften“ Physik oder Chemie überhaupt erst hervorgebracht hat (Thomas A.C. Reydon, Paul Hoyningen-Huene in ihrem Beitrag „Philosophie und ihr Verhältnis zu den Einzelwissenschaften“).

Bemerkenswert sind die Argumentationen des Cambridge-Professors John Marenbon, der fragt: „Why Study Medieval Philosophy?“ Warum nützen die alten Texte von Boethius, Abelard, Avicenna, Aquinas, Maimonides, Scotus, Ockham „and many others“?

Wissenschaftsintern, so argumentiert Marenbon, nützt die Beschäftigung, weil gegenwärtige Philosophie mit den „alten Texten“ kommuniziert und verschiedene Aspekte „of Descartes, Leibniz and perhaps Aristotele“ aufgreift. Darin unterscheidet sich „antiquierte Philosophie“ übrigens von antiquierter Medizin, die nicht heilt oder einem antiquierten Computer, der nicht mehr funktioniert.

Ein wohlfeiles Argument, das Marenbon dagegen nicht gelten lässt, ist: Platons Der Staat oder Descartes’ Meditationen gehörten zum kulturellen Kanon und müssten deshalb ebenso rezipiert werden wie Homers Ilias oder Shakespeares King Lear. Im ästhetischen Feld sieht Marenbon nicht den Nutzen alter philosophischer Texte. Denn Philosophie als rein ästhetisches Vergnügen vergisst andere Werke, deren Fragestellungen drängender und „great or greater“ sein mögen, die aber zu komplex sind, um ästhetisch goutiert zu werden.

Tatsächlich zeigen alte Texte laut Marenbom sehr deutlich, wie Philosophie funktioniert, „what sort of questions philosophical questions are, and how and to what end they can be answered“. Zudem lassen sich diese Texte nicht nur historisch lesen, sondern als „another voice in the contemporary debate“.

Wenn dann eingeworfen wird, mittelalterliche Philosophie sei eigentlich Theologie – die bereits intellektuelle Small-Talk-Fortführung der Frage „Warum noch Philosophie?“ – entgegenet Marenbon, dass mittelalterliche Philosophie sich zwar einschreibe ins religiöse Diskursfeld jener Jahrhunderte, gleichzeitig aber Thomas von Aquins Summa Theologica nicht nur religiöse Themen verhandle, sondern ebenso „philosophy of mind, individuation and identity, semantics and the virtues.“

Auge in Auge mit dem Herausforderer schließt Marenbon auf den letzten beiden Seiten mit der dialektischen Wende „Why we should not study medieval philosophy“, um den Ball zurückzuspielen an all jene, die sich generell der Spezialisierung von Geisteswissenschaftlern verschließen und das Wissenschaftssystem als solches disqualifizieren wollen.

Die Herausgeber Marcel van Ackeren und Jörn Müller weisen in ihrem Beitrag darauf hin, dass die Frage nach dem Nutzen der Philosophie selber nicht zum Kanon der philosophischen Themen gehöre und erst durch eine (philosophie-)historisch bedingte Legitimitätskrise aufgekommen sei.

Dem widersprechen etliche Philosophen des Bandes. Übrigens ohne auch nur mit einem Wort zu erwähnen, dass innerhalb eines kapitalistischen Systems, das unter dem binären Code Geld/Kein-Geld seine Umwelt beobachtet, jede Leistung, die keinen Cash-Flow produzierenden Mehrwert schafft, automatisch diskreditiert wird.

Aufgabe des philosophischen Systems, determiniert durch den Code Wissen/Kein-Wissen, kann selbstverständlich nicht die Inklusion genuin kapitalistischer Beobachtungsstrukturen sein. Jedoch besteht die Möglichkeit, dass die Frage “Warum noch Philosophie?” unter rein philosophie-systemischen Handlungsoptionen den Möglichkeitsraum dieser Disziplin erweitert. Das ist, eben weil etliche Beiträger des Bandes die Eingangsfrage als philosophische Frage verstanden haben, tatsächlich geglückt. Nach 364 Seiten gibt es mannigfaltige, auch Ökonomen die Stirn bietende Antworten auf die Frage: „Warum noch Philosophie?“

Abschließend kurz zurück zum Speed-Dating-Tisch und dem eingangs erwähnten Bankberater-Büro: Der Dispokredit wird, nach Aufzählung der vielen, höchst anregenden Argumente dieses Bandes vielleicht nicht erhöht. Aber feinsinnige BWL-Singles lassen sich dennoch becircen. Wer einige der bunten Beispiele verinnerlicht, bekommt während des leidenschaftlichen Vortrags im Dating-Café von allein leuchtende Augen. Und Begeisterung steckt an. Wäre doch schade um den guten Sex.

(Marcel van Ackeren u. a. (Hg.): Warum noch Philoophie? Berlin: De Gruyter, 2011. 49,95 Euro.)

Veröffentlicht unter Akademie, Philosophie, Rezensorium, Sachbuch / Non-Fiction | 2 Kommentare

Der Klang der Familie

“Dann fingen die ersten harten Tage an. Ich wollte meine Mauer wiederhaben. Ehrlich. Ich fand die alle doof. Die sahen scheiße aus, benahmen sich blöd, und ich bekam abends kein Obst mehr. Man kam in keine U-Bahn mehr rein, und die Schlange um den Beate-Uhse-Laden ging dreimal um den Block. Das war ganz schön gruselig.” Loveparade-Organisatorin Kati Schwind kann in diesem euphorischen Augenblick nicht ahnen, welche Kraft aus Ostdeutschland in den Westen strömt, dass die niedergerissene Mauer Berlins spätere Weltherrschaft auf dem Technofeld überhaupt erst ermöglichen würde.

Das liegt nur anfangs an den neuen Einrichtungsmöglichkeiten, an dies sich Ben de Biel (Mitbetreiber des “Maria”, inzwischen Pressesprecher der Piratenpartei in Berlin) mit Strahlen in der Stimme erinnert: “Ab dem 1. Juli konnten die Ossis einen Teil des Er- sparten eins zu eins in D-Mark umtauschen. Dann hatten plötzlich alle Geld, und in kürzester Zeit standen die Straßen voll mit ausgemusterten Möbeln und Hausrat. Genial. (…) Irgendwann sollten die Leuchtreklamen von den Dächern. Vom Berliner Verlag zum Strausberger Platz, vom Haus des Reisens bis zum Roten Rathaus hing alles voll. Das waren riesige Lettern: Modisch, schick, elegant: Tatra Automobile, Kowo Import Export. Die WBM wollte die Schilder weghaben, viele von den Ost-Firmen gab es ja nicht mehr. Und die hofften, dass sie die Flächen neu vermieten könnten. Der Deal war: Geh zu Frau Fischer von der WBM und sag: “In dem Stab ist Quecksilber, ist also giftig und würde in der Entsorgung viel Geld kosten. Ich bin armer Künstler, ich nehm’ die mit, danke.”

Aus dieser Aufbruchstimmung der unmittelbaren Vor- und Nachwendejahre berichten die Interviewpartner von Felix Denk und Sven von Thülen und klären letzte Fragen: Wer hat die erste Acid-, wer die erste House-Party in Deutschland geschmissen? Wie hoch war der weiße “Mont Blanc”-Koksvorrat in der Schublade von Frontpage-Chefredakteur Jürgen Laarmann? Warum ist Techno Vorreiter von Public Viewing und der Fanmeile am Brandeburger Tor? Wann switchten die Scheinwerfer von der Tanzfläche auf die DJ-Kanzel und machte den Plattenaufleger zum Star der “Raving Society”?

Die Antworten gibt es in “Der Klang der Familie” (angelehnt an den gleichlautenden Hit von 3Phase feat. Dr. Motto von 1991). Es geht um Mythen wie den “Summer of Love”, um Rivalitäten (Trance vs. Techno vs. Tekkno vs. Deppendisco), um XTC-Kuschler, Leder-Schwule, Smiley-Aktivisten, den Gegensatz zwischen den “Fürsten der Nacht” aus Frankfurt mit ihren gerollten Tausenderscheinen und den euphorisch-naiven Hausbesetzer-Ravern in Berlin. Diese grandiose Interviewmontage kopiert formal Jürgen Teipels Punk- und New Wave-Klassiker “Verschwende Deine Jugend”, ist quasi die Fortsetzung mit teilweise gleichem Personal (Gabi Delgado, Inga Humpe etc.).

Ausgehend von den Parties Mitte der Achtziger über die erste, gerade mal 770 Mark teure “Loveparade” 1989 kurz vor der Wende, mit dem Durchbruch 1991, “das entscheidende Jahr für Techno. Vorher mussten die DJs ihre Sets noch mit Nitzer Ebb, Liaisons Dangereuses, Meatbeat Manifesto und solchen Sachen strecken, damit sie genug Platten für die ganze Nacht hatten. Das war dann nicht mehr nötig. Man konnte sich voll auf Techno-House konzentrieren.” (Rave-Aktivist Stefan Schvanke, der seit 1992 die Oldschool-Partyreihe “Back To Basics” veranstaltet.)

Ebenfalls Rede und Antwort stehen, versehen mit der “Macht der Nacht”, Leute wie: Paul van Dyk, Westbam, Dr. Motte, den Crews von Ufo, e-werk, Walfisch, Krik, Tresor, Loveparade und Tekknozid vs. Mayday. Eine extrem verschwitzte, smarte Oral History des Hauptstadt-Raves, von den Anfängen Mitte der Achtziger bis zum Kommerzhöhepunkt 1996 (“Somewhere over the Rainbow”).

(Felix Denk, Sven von Thülen. “Der Klang der Familie – Berlin, Techno und die Wende”, Suhrkamp, 452 Seiten, 15,50 Euro)

Veröffentlicht unter Debüt, Deutsche Gegenwart, Pop, Techno, Hipster, Rezensorium, Sachbuch / Non-Fiction | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Hippie in Persien

Hunter S. Thompson schmiss in seiner Gegenwart mit Äxten um sich. Ein Thai-Boxer wurde vom eigenen Promoter verdroschen. In Indien wird mal wieder sein Magen ausgeräumt und als „Hippie in Persien“ überführt er einen LKW – ohne Führerschein. 

Damals schlendert Helge Timmerberg tiefenentspannt zum Interview und schlägt später seinem Verlag Rowohlt vor, eine Baumarktliege anzuschaffen, für die nächsten Messen, damit er sich jederzeit hinlegen kann. So viel Komfort ist dem Alt-Hippe (vielleicht lässt er sich deshalb auch duzen) eigentlich fremd. Sein neuer Reisereportagenband “Der Jesus vom Sexshop” ist gerade erschienen. Darin geht es, nie First-Class, nach Bangkok, Brasilien, Indien, Paris, Belgrad. Das sind immer Reisen, die ebenso bilden, verstören, aber anscheinen auch glücklich machen – bevor es mit dem Interview losgeht, summt der Autor für sich ein kleines Lied.

Was singst du gerade?

Das ist ein Ohrwurm – „Mama Africa“ – ich komme gerade von dort. Das erste Mal Schwarzafrika, zwei Monate. Ich will auch wieder dorthin. Und wenn du einmal mit diesem Lied anfängst, trägt es dich einfach weg.

Warum willst du zurück?

Zwei Monate reichen nicht. Afrika ist sehr schwierig zu verreisen. Ich habe nicht das Gefühl, das ich irgendwas verstanden habe.

Ist es schwieriger als im Iran? In Persien hattest du 1970 keine leichte Tour.

Im Iran ist das, glaube ich, gar nicht so schwierig, wie man das nach der Nachrichtenlage hier vielleicht denken würde. Die Busse fahren normal, du kannst in Istanbul einsteigen und bis Teheran durchfahren. Aber Afrika ist eine Kinderkultur. Die kriegen irgendwie alles auf die Reihe, aber du wartest viel. Es ist ganz schwer.

Schaust du dir von den Leuten, die du auf deinen Reisen triffst, etwas ab?

Das geht ganz automatisch. Wie soll ich das sagen: Ein Wald hat viele Bäume und du nimmst von den Bäumen was mit, von der indischen oder brasilianischen oder orientalischen Kultur. Da wird etwas stark in einem, das bereits vorhanden war. Das bringt dann diese jeweilige Farbe der Seele nach oben. Und Afrika bringt für mich gerade die Farbe der Faulheit. Denn die können sitzen ohne Ende, nix dabei tun und zufrieden sein.

Hast du neue Drogen in Afrika entdeckt?

Nein. Ganz Afrika kifft. „Was der Zahn der Zeit getan, das sieht der Lump als Besserung an“, heisst es ja bei Wilhelm Busch und dazu kann ich nur sagen: Harte Drogen vertrage ich nicht mehr. LSD ist ja zum Beispiel eine harte Droge. Geht nicht. Nach Koks habe ich tagelang Depressionen. Ich bin auf Haschisch hängengeblieben.

Warum fingst du an zu reisen? 

Bei mir ging es mit 17 los. Das hatte viel mit LSD zu tun und dass ich ein Hippie war. Das hat meinen Kopf so sehr umgeschichtet, dass ich in Deutschland nicht mehr klarkam. Ich hatte geradezu eine Vision von Indien, dass ich da hinmüsste. Dann schlug schnell die Reise selbst zu, es ging über Land und ich hatte bislang nichts gesehen. Dann kommst du nach Kurdistan, in die hohen Berge, durch die Wüste vom Iran. Was für einen 17-Jährigen der helle Wahnsinn ist.

Wie kommt man richtig in der Fremde an?

This is a very good question. Aus seltsamen Gründen kommt man fast immer nachts an. In Indiesen kommst du fast immer nach Mitternacht an. In Afrika war das auch so. Ich bin nach Dakar geflogen – und dann braucht man erstmal ein atmosphärisches Hotelzimmer, um sich auszuruhen. Das klappt selten. Und dann sucht man rum. Wo gibt es noch Bier? Wo gibt es Whiskey? Damit man die erste Nacht ohne seelische Abstürze überlebt. Am nächsten Tag suchst du dann rum, bist du ein Hotel gefunden hast, das dir tatsächlich gefällt. Zuletzt brauchst du noch eine gute Bar.

Wie verhält man sich als Westler mit seinen sogenannten humanistischen Idealen in einem Land, das diese Ideale nicht teil?

Humanistische Ideale würde ich auch so verstehen, dass man diesen Dingen mit einer geistigen Toleranz begegnet, dem anderen Kulturkreis, den fremden Sitten. Da würde ich nicht wie ein rechthaberischer Elefant durchstolpern. Aber das ist abhängig von der Tagesform. Denn wenn du kaputt bist, können die die Leute auch unglaublich auf die Nerven fallen.

In einer serbischen Bar, in der es verboten ist, am Tresen zu trinken, wurde Helge Timmerberg von einer blonden und einer schwarzhaarigen Kellnerin bedient: „Sie benehmen sich wie guter Bulle, böser Bulle. Die Blonde läßt mir alles durchgehen, aber die Schwarze muss ich erst in Grund und Boden tippen. Das hohe Trinkgeld und mein artiges Benehmen verschaffen wir schließlich Sonderrechte in der Bar vom ,Prag‘. Ich darf im Stehen trinken. Aber nur ich.“

In Bangkok standest du dabei, als ein Thai Boxer von seinem Promoter verprügelt wurde. Wie hältst du solche Bilder aus?

Ich konnte kaum hingucken. Aber das ist allgemein so. Ich bin sehr empfindsam.  Wenn ich auf der Strasse angesprochen werde von Leuten mit irgendwelchen Wunden, zum Beispiel am Bein, dann habe ich das Gefühl, das auch an meinem Bein zu spüren, an der gleichen Stelle. Und wenn Leute so gedemütigt werden wie dieser Thai-Boxer, der von seinem Chef mit schweren Ringen geschlagen worden ist, vor den Mund, nur weil er verloren hatte, das tut wahnsinnig weh.

Am Ende dieses wunderbaren Buchs ist man für die eine oder andere ferne Reise gewappnet und weiß: Kamele sollte man nicht reiten, sondern essen, sie sind Lasttiere und kein Beduine setzt sich freiwillig auf dies unbequemen Tiere. Marokkanische Sittenwächter, die einen bestellt haben, um Beschwerden wegen einer Nacktyogaübung nachzugehen, besänftigt man während seines Wutausbruchs mit einem 200-Dirham-Schein, der dann im selben Tonfall, selber Lautstärke und “demselben Einsatz von Mimik und Getue” fortfahren wird. Nur mit anderem Text: “Was das eigentlich die Nachbarn angeht?! Was die eigentlich glauben würden, wer sie seien?” Denn in Marokko sei das Haus heilig. “Da kann jeder machen, was man will.” Wer anschließend nicht das Buch weglegen und selber reisen will, hat kein Wandersblut in den Venen.

(Helge Timmerberg: „Der Jesus vom Sexshop“, Rowohlt, 302 Seiten, 18,95 Euro)

Veröffentlicht unter Asien, Belletristik / Fiction, Interviews, Rezensorium, Sachbuch / Non-Fiction | Hinterlasse einen Kommentar